Da ist es nun. Das Nokia N900. Lang ersehnt, erst Recht nach den Problemen mit dem N97. Und um es vorweg zu sagen. Geil! Ich kann es nicht anders beschreiben. Das N900 bietet endlich die Funktionen, die ich mir immer bei einem Handy gewünscht habe.
Nur dass das Nokia N900 genau genommen kein Handy ist. Auch kein Smartphone. Sondern vielmehr ein Internet Tablet.
Hardware:
Das merkt man, sobald man es auspackt. Mit 181 Gramm ist es schwerer als normale Handys, im Vergleich zur aktuellen Konkurrenz auch ein wenig größer. Aber nicht klobig, es ist knapp einen Zentimeter länger als z.B. das N95, dafür ein wenig flacher.
Auch in anderen Punkten ist es anders als die N-Serie. Das N900 ist zwar wie die meisten Nokia gänzlich mit Plastik ummantelt, aber um Klassen besser verarbeitet, die Spaltmaße sind gering und gleichmäßig. Auch ist der Slider enorm stabil und sehr gut eingestellt, nicht zu fest und nicht zu locker. Da wackelt nichts. Unter dem Slider verbirgt sich eine dreizeilige QWERTZ, die durchaus gut zu bedienen, aber bei weitem nicht perfekt ist. Die Tasten könnten einen Tick größer sein und auch der Druckpunkt der Tasten ist ein bißchen zu hart.

Im Gegensatz zur Front und dem Slider ist die Rückseite kein Fingerabdruckmagnet, da das Material angeraut ist. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass es sich dadurch hochwertiger anfühlt. Leider sind wegen dem deutschen Layout zwei Pfeiltasten verloren gegangen (hoch, runter). Dafür haben Ä, Ö und Ü einen festen Platz. Sinnvoll oder nicht, mag jeder selbst entscheiden. Die Oberseite ist mit dem Display nahezu plan. Lediglich ein kleiner, ca ein Millimeter hoher Rand umgibt es. Dass es keine physischen Tasten zur Anrufverwaltung gibt – also Annehmen und Auflegen – ist anfangs ein wenig ungewohnt, funktioniert in der Praxis aber gut.
Die restlichen Tasten und Anschlüsse sind jedoch teilweise unhandlich bis hin zu alltagsfeindlich angeordnet. Hält man das N900 im Querformat, so findet man den USB-Anschluss an der linken Seite. Damit ist eine Dockingstation nahezu angeschlossen. Denn dazu müsste der USB-Anschluss an der Unterseite (fürs Querformat) oder zumindest an der rechten Seite (fürs Hochformat) sein. Stattdessen ist die Unterseite vom Querformat komplett leer. Rechts gibt es den 3.5mm-Klinkenanchluss und eine Tastensperre. Und an der Oberseite sind die Lautstärkeregelung, die Kamerataste, der Infrarotanschluss und eine weitere kleine Taste fürs Ein- und Ausschalten untergebracht. Mit dieser kann man zusätzlich das Profil – es gibt nur Allgemein, Lautlos und Offline – wechseln, in den Telefonmodus schalten, das N900 mit einer PIN oder nur Bildschirm und Tastatur sperren. Somit existieren zwei Tasten und Möglichkeiten, das N900 zu sperren und entsperren.

Die Tastensperre an der rechten Seite ist eigentlich fehl am Platze. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Kartenslot für die microSD-Karte. Diesen erreicht man nur, indem man das Backcover entfernt. Zugegeben, man wechselt die Speicherkarte nicht täglich, aber wenn, dann ist es lästig.
Beim N900 ist vieles neu, manches überarbeitet aber auch ein paar Dinge altbekannt. Nokia verbaut z.B. einen 3,5 Zoll großen LCD, der gegen einen AMOLED in Punkto Farbbrillanz keine Chance hat. Und statt der feineren kapazitiven Technik gibt es einen resistiven Bildschirm. Aber, da muss man ehrlich sein, es ist ein wirklich gutes Displaypaket. Kein Vergleich zum N97 oder gar 5800XM. Es reagiert mit dem Stylus einwandfrei, mit dem Finger muss man zwar ein wenig drücken, aber es ist kein „Kraftakt“ mehr. Und ganz nebenbei ist es bei Sonnenlicht gut lesbar. Die WVGA-Auflösung von 800 mal 480 Pixel kann sich sehen lassen.
Nokia hat die Kritik bezüglich der schwachen N97-Hardware nicht ignoriert und ansonsten wirklich erstklassiges eingebaut. ARM Cortex A8 CPU mit 600 MHz, 256 MB dedizierter RAM, bis zu 768 MB zusätzlicher virtueller RAM, 32 GB interner Speicher, microSDHC-Slot, USB 2.0 mit 480 Mbit/s, WLAN mit 54 Mbit/s, HSDPA, HSUPA, Bluetooth, Infrarot sowie einen 3.5mm-Klinkenanschluss.
Software:
Soviel zur Hardware, nun zur Software. Als Betriebssystem kommt Maemo zum Einsatz. An sich nichts neues, nur hatte Maemo in den Internet Tablets 770, N800 und N810 keine GSM-Unterstützung, wodurch es für die breite Masse eher uninteressant war. In der aktuellen Version 5.0 alias Fremantle steckt also schon eine Menge an Erfahrung. Und das merkt man von der ersten Sekunde an. Die Menüs sind auch ohne Stylus perfekt bedienbar.

Maemo basiert zu großen Teilen auf Linux und daher ist es nicht verwunderlich, dass man auf dem N900 so manche Vorteile wie am PC genießen kann. So gibt es vier Desktops, die man komplett individualisieren kann. Wer will, kann einzelne bis auf einen deaktivieren, beraubt sich damit aber einer Menge Freiheit. Bereits zum Verkaufsstart existieren zig Programme, die man über den internen Programmmanager herunterladen, installieren und auch aktualisieren kann. Alles absolut übersichtlich, schnell erreichbar und kostenlos. Kein Vergleich zum Ovi-Store … Und auch hier sieht man die Linuxvorteile, viele der Programme sind Portierungen aktueller Linuxversionen.


Bei der Bedienung gibt es im Vergleich zu Symbian einige Unterschiede. So gibt es zum Beispiel nicht in jeder Schaltfläche einen Pfeil für einen Schritt zurück oder ein X zum Schließen. Stattdessen tippt man in einen Bereich außerhalb der Schaltfläche oder des Objektes und gelangt so zum vorherigen Programm zurück.

Zwar kein Highlight, aber auf jeden Fall erwähnenswert ist die Kamera. Der Fokus ist nicht nur schnell, sondern auch wirklich gut. Nur wenige Bilder sind unscharf. Die Dual-LED ist dazu noch mehr als ausreichend hell. Sicher, ein Xenonblitz wäre besser, aber auf irgendwas muss man sich ja freuen können beim Nachfolger … Die Einstellungen sind wie auch bei Symbian zahlreich. Aber längst nicht so detailliert wie es beim Samsung I8910 oder SonyEricsson Satio der Fall ist. Aber alles Notwendige kann konfiguriert werden, vom Blitzlicht über den Weißabgleich bis hin zum Fokus.


Generell kann man überall sehr viel einstellen. Auch in den Systemeinstellungen kann man etliche Details konfigurieren, selbst Kleinigkeiten wie die Status-LED. Diese ist übrigens äußerst praktisch. Bei normalem Standby leuchtet die LED ca alle 9 Sekunden weiß auf. Während des Ladevorgangs leuchtet sie dauerhaft orange, bei geladenem Akku schließlich dauerhaft grün. Und hat man einen Anruf verpasst oder eine SMS oder eMail bekommen, blinkt die LED in blau. Auch eine ungelesenen Instant Message wird durch eine blaue LED signalisiert.





Die Instant Messages kann man über ein vorinstalliertes und nahtlos integriertes Programm senden und empfangen. Von Hause aus kennt das Programm aber nur Skype, Google Talk, Jabber und SIP. Mit einem Plugin namens Haze kann man es jedoch um die Protokolle für ICQ, MSN, AIM, QQ und Yahoo erweitern. Und dann macht es richtig Spaß. Die Chatkontakte werden nämlich im normalen Telefonbuch abgelegt. Doppeleinträge kann man mit der Funktion „Kontakt zusammenführen“ tilgen, so dass nur ein Kontakt mit sämtlichen Infos übrig bleibt. Sortiert man dann schließlich die Kontakte nicht nach dem Alphabet, sondern nach deren Status, werden die Offlinekontakte nach unten durchgereicht, so dass man, wie in einem Chatprogramm üblich, eine aktuelle Übersicht der aktuellen „Buddys“ hat. Den Status zum Chatten kann man in der oberen Statusleiste bequem ändern, genauso wie die Lautstärke, Bluetooth, das Profil und die Internetverbindung.


Dass man mit dem N900 kein „mobiles“, sondern dank Linux „echtes“ Internet genießen kann, sieht man am internen Browser. Webseiten werden wie am PC dargestellt. Mobile Versionen sind nicht mehr notwendig, teilweise auch gar nicht mehr möglich. Wer z.B. m.google.com aufrufen will, wird darauf hingewiesen, dass man diese Adresse doch bitte am Mobiltelefon eingeben möge
Flashvideos (flv) werden ohne Stocken und in bester Qualität wiedergegeben, nur mit Flashanimationen (swf) gibt es ab und zu noch Probleme. Das Ablegen einer Seite in den Lesezeichen ist ebenso einfach wie das Erstellen einer Verknüpfung zur Seite auf einem der vier Desktops.

Das eMail-Programm ist simpel, aber ausreichend. Man kann mehrere Adressen verwalten, egal ob POP3 oder IMAP. Eine Lösung für Microsoft Exchange Server ist ebenfalls integriert. Damit ist dann auch ein ständiges Synchronisieren der Kontakte und Kalendereinträge gegeben.

Der Kalender ist keine Revolution, aber allein schon auf Grund der hohen Auflösung endlich übersichtlich. Neue Termine sind schnell angelegt, bestehende kann man unkompliziert bearbeiten. Außerdem gibt es ein Kalenderwidget, dass auf dem Desktop die nächsten fünf Termine anzeigt, egal on diese morgen anfallen oder erst im nächsten Monat. Eine unnötige Begrenzung auf wenige Tage wie bei Symbian gibt es endlich nicht mehr.


Aber auch sonst gibt es weitere praktische Widgets, zum Beispiel für den Media Player. Dieses ist wie alle anderen Desktopelemente frei positionierbar und erlaubt ein schnelles Bedienen der wichtigsten Funktionen wie Play/Pause, zum nächsten Titel sowie zurück zum vorherigen. Berührt man nicht diese Flächen, sondern das Widget selbst, gelangt man in den Media Player. Er ist in drei Bereiche gegliedert.

Im Bereich Musik hat man den Überblick über alle Audiodateien auf dem N900. Geordnet wird, sofern die ID3-Tags sauber gepflegt sind, automatisch nach den Interpreten. Wählt man einen aus, bekommt man die jeweiligen Alben, ein weiterer Klick öffnet das Album. Sinnvoll integriert ist der UKW-Sender, den man im Menü der Wiedergabe aktivieren und konfigurieren kann.


Passend zur Musik gibt es den Bereich Internetradio. Dort sind bereits mehrere internationale Sender gespeichert, so dass man sofort loslegen kann. Weitere Internetsender können nach Belieben hinzugefügt werden.

Und schließlich gibt es einen Bereich für die Videos. Standardkonforme 3gp, mp4, DivX und flv sind kein Problem. Für weitere Codecs wie z.B. MPEG2 gibt es bereits Plugins, die jedoch noch nicht ganz ausgereift und alltagstauglich.

Diese bekommt man, wie bereits anfangs erwähnt, im Programmmanager. Man sollte generell vorsichtig sein, da es so manche Programme gibt, die ohne jeden Grund oder manuellen Start unnötig mehr und mehr RAM belegen und somit das N900 zum Erliegen bringen. Nach einem Systemabsturz hab ich jegliche Zusatzsoftware wieder entfernt, bzw aufs Nötigste beschränkt. Seitdem läuft das N900 wieder tadellos, schnell und zuverlässig. Eine Empfehlung neben Haze ist da auf jeden Fall die Software für den Radioempfänger. Optisch gut umgesetzt, funktioniert er leider nur mit einem kabelgebundenen Headset, da im N900 keine Antenne für UKW-Signale eingebaut ist.

Selbst ohne zusätzliche Software ist das Nokia N900 gut ausgestattet. Neben der bereits erwähnten Software findet man im zweigeteilten Menü u.a. ein Backupprogramm, das seinen Namen wirklich verdient. Man ist nämlich nicht wie bei Symbian auf eine Backupdatei begrenzt, sondern kann jederzeit weitere erstellen.

Der Dateimanager ermöglicht simple Vorgänge wie das Erstellen neuer Verzeichnisse, Kopieren, Verschieben, Einfügen, Umbenennen sowie Löschen.

Das Programm Fotos ist vom Namen her wohl selbsterklärend. Auch mit hunderten Bildern gibt es keine Probleme beim Ansehen oder Verwalten, der guten Hardware und Maemo sei Dank.

Ovi Karten ist derzeit kaum eine Erwähnung wert, da man damit noch nicht Navigieren kann. Auch ist es langsam, die Symbole im Programm nicht immer selbsterklärend. Einziger Lichtblick, selbst in meinen Betonbunker findet der GPS-Empfänger noch Kontakt zu mehreren Satelliten und berechnet meine Position ziemlich genau. Sygic plant bereits eine Navigationslösung für Maemo, das dürfte nicht mehrallzu lang dauern.

Für SMS und Instant Messaging gibt es das Programm Gespräche, über Kontakte kann man allerdings ebenso gut kommunizieren.

Dann gibt es noch eine Uhr samt Wecker, einen (bei Bedarf auch wissenschaftlichen) Rechner, ein Programm für Notizen, einen PDF-Reader, Foreca zur Anzeige aktueller Wetterdaten und ein simples Malprogramm, genannt Skizze.

Für den Zeitvertreib zwischendurch sind vier Spiele dabei; Blocks, Mahjong, Chess und Marbles.
Linux-Enthusiasten haben natürlich ihren Spaß mit X-Terminal, einem Programm für eine direkte Kommandozeileneingabe; bei Windows ist ähnliches unter „Ausführen“ zu finden.
Um das alles komfortabel unter einen Hut zu bringen, gibt es natürlich auch einen Taskmanager. Sehr einfach zu bedienen, übersichtlich und zudem optisch gelungen.

Mein Fazit:
Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das N900 absolut gelungen. Die Hardware ist auch morgen noch leistungsfähig genug. Das Betriebsystem ist schnell, stabil und logisch aufgebaut. Dazu gibt es eine große Community, die schon jetzt Unmengen an Software zur Verfügung stellt.
Aber es gibt auch Baustellen. Der Energiebedarf ist ein wenig zu hoch. Wer wegen Widgets wie Facebook oder Foreca, wegen Instant Messaging oder dem Internet Radio ständig oder zumindest sehr lange online ist, kommt ohne zweiten Akku nicht über den Tag. Ansonsten gibt es noch keine Unterstützung bzw Anzeige der Homezone. Und auch die USB-Anbindung klappt nicht immer beim ersten Mal.
Wer jedoch gerne im Internet surft, ohne ICQ & Co nicht mehr leben kann, soziale Web2.0-Netzwerke nutzt und nur nebenbei ein bißchen telefoniert, der findet im N900 das ideale … na sagen wir mal „Handy“.
Mein Dank geht an Trimedia und insbesondere an die Mitarbeiter der Nokia Homebase für die Bereitstellung des Testgeräts und die gute Zusammenarbeit in den VZ-Netzwerken.